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RÜCKBLICK

von Bijon Chatterji

Südasientag 2004: Zu wenig Zeit zum Diskutieren

Am 20.11. veranstaltete die Universität Hamburg nun zum zweiten Mal ihren "Südasientag". Dabei sollte auf die Rolle Südasiens in der heutigen Welt sowie auf die Perspektiven, die die jüngsten Entwicklungen auf diesem Gebiet für Deutschland und Europa eröffnen, hingewiesen werden. Der offizielle Name des Veranstalters war das Asien-Afrika Institut, doch wie später bekannt wurde, war es eigentlich die Abteilung für Kultur und Geschichte Indiens und Nepals. Dieser Aspekt wurde damit begründet, sich durch diese Namensgebung gegenüber anderen an dieser Veranstaltung teilnehmenden Nationen nicht ausgrenzen zu wollen, daher tauchte der Name nirgends auf. Eine Aktion, die man sich auch hätte sparen können, da es letztlich niemanden gestört hätte.

Doch zurück zum eigentlichen Geschehen. Die Organisatoren waren hektisch und manchmal leider planlos bemüht, den Besucherinnen und Besuchern ein abwechslungsreiches Programm zu bieten, was ihnen letztlich trotzdem gelungen ist. Farbenfrohe Länderpavillons Pakistans, Indiens, Nepals, Bangladeshs und Sri Lankas informierten über die jeweiligen Nationen und gaben mit länderspezifischen und allgemeinen Vorträgen (u.a. Dr. Hans-Georg Wieck), Lesungen (u.a. Anant Kumar) oder Bollywoodfilmen ihr Stelldichein im Ostflügel der Universität Hamburg. An dieser Stelle  muss man stimmungsmäßig den pakistanischen Kollegen Lob zollen, deren gute Laune nie ausgegangen zu sein schien.

Abgerundet durch ein wenig überteuertes Essen, jedoch hochwertiger Tanzdarbietung sowie mit grossem Beifall honorierten Sitarkonzert des Meisters Partho Bose, wurde das Kernprogramm der unter Schirmherrschaft des Hamburger Wirtschaftssenators Gunnar Uldall stehenden Veranstaltung durch vier Podiumsdiskussionen gebildet. Jede dieser Diskussionen beinhaltete eine wesentliche Kernfrage, über die sich fachkundiges Personal unter den Augen der Öffentlichkeit austauschte. Wir haben dazu einzelne Teilnehmer der Diskussionsrunden befragt. Aus der Gruppe "Konfrontation oder Partnerschaft zwischen Zivilisationen?" stand uns leider keiner der Beteiligten zur Verfügung. An Runde "Mein Südasien" nahm ich selbst teil, doch hielt ich es für sinnvoller Herrn Rajnish Tiwari zu Worte kommen zu lassen. Rajnish ist Student der Wirtschaft an der Uni Hamburg und daneben Chefredakteur des Onlinemagazins
www.india-world.net

Rajnish, ein paar allgemeine Worte zu Diskussionsrunde "Mein Südasien".

Die Podiumsdiskussion zum Thema "Mein Südasien - Interkultureller Dialog zwischen jungen Menschen" widmete sich der Frage, ob es eine gemeinsame "südasiatische" Identität gibt bzw. geben kann und gegebenenfalls wie. Über diese Frage berieten die 9 TeilnehmerInnen der Diskussionsrunde aus Indien, Pakistan, Sri Lanka, Bangladesh und Deutschland gemeinsam mit dem Moderator Tobias Grote-Beverborg vom Radiosender Deutsche Welle.

Welche Gemeinsamkeiten hast du festgestellt?

In der Diskussion sowie in privaten Gesprächen nach der Diskussion war zu merken, dass die großen Gemeinsamkeiten zwischen den Ländern der Region Südasien von Menschen durchaus wahrgenommen werden und dass die gemeinsamen Interessen, z.B. Bollywood-Filme, Musik, Cricket usw. und das gemeinsame Schicksal, also dass Konflikte und Frieden eine unmittelbare Wirkung auf alle Länder der Region haben, Menschen in einer einzigartigen Weise verbinden.
Zugleich wurde aber auch deutlich, dass diese Gemeinsamkeiten nicht von ALLEN Menschen gleichermaßen empfunden werden. So kann es sein, dass jemand durchaus indische Filme und Musik genießt aber trotzdem eine gewisse Distanz zu Menschen aus Indien bewahren möchte. Diese Zurückhaltung und/oder Misstrauen ist Ergebnis fehlender Kontakte zwischen den Menschen dieser Region einerseits und vermutlich ein Ausdruck der Prägung im Elternhaus andererseits. Denn dieses Phänomen ist in indisch/pakistanischen Verhältnissen am deutlichsten zu merken. Andere Länder wie Sri Lanka und Nepal zeigen ein deutlich entkrampftes Verhältnis zu Indien oder Pakistan.

Bezeichnet sich denn z. B. ein Nepalese oder Bangladeshi als "Südasiat"?

Nein, gegenwärtig würde sich kaum ein Mensch aus der Region als "Südasiat" bezeichnen. Die Nationalidentitäten sind da prägend, selbst wenn man die "anderen" als Nachbarn empfindet, mit denen man große Gemeinsamkeiten hat, mit denen man die Geschichte teilt, ja sogar befreundet ist. Das ist aber eine z.B. Freundschaft zwischen einem "Inder" und einem "Pakistaner", nicht aber zwischen zwei "Südasiaten". Eine tiefer gehende Verbundenheit ist also in der Regel nicht gegeben, was angesichts der Ereignisse auf dem indischen Subkontinent seit der Unabhängigkeit des britischen Indiens kein Wunder ist. Die Diskussionsrunde war allerdings einig darin, dass die Zusammenarbeit in der Region verstärkt und die Verbundenheit betont und befördert werden muss, um eine "südasiatische" Identität zu schaffen.

Die Diskussionsrunde war meiner Meinung nach keine Diskussion, sondern eher eine Abfolge von Kommentaren...

Stimmt, denn die spannendste Frage, nämlich wie man die Zusammenarbeit tatsächlich erreichen könnte, konnte aus Zeitmangel nicht diskutiert werden. Das ist eigentlich auch als eine konstruktive Kritik am Diskussionskonzept zu verstehen. Denn eine weiterführende Diskussion war bei der großen Anzahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen nicht möglich. Jede(r) Teilnehmer(in) konnte nur zu zwei Fragen jeweils zwei Minuten lang seine Meinung äußern. Da wäre es sicherlich sinnvoller gewesen, die Diskussion mit vier bis maximal fünf Teilnehmern zu organisieren und dafür eine grundlegendere Diskussion zu führen. Denn nur so könnte man auch die Konfliktsgründe erörtern, was unentbehrlich ist wenn man die Konflikte lösen will. In der Abwesenheit solcher Diskussion wurde die beabsichtigte "Podiumsdiskussion" zu einer "bloßen" Fragen/Antwort-Konfrerenz.

Deine Empfehlung?

Man sollte von der "Quoten"-Organisation absehen. Das Selektionskriterium für Teilnehmer sollte einzig das Engagement des jeweiligen Teilnehmers auf dem zu diskutierenden Gebiet und damit sein "Expertenwissen" und nicht seine Herkunft sein. Zum Teil hatte man den Eindruck, dass einige Teilnehmer nur eingeladen waren, um den "Länder-Quoten" gerecht zu werden und sich damit "politisch korrekt" zu verhalten. Dass bei solchem Bemühen um politische Korrektheit oft die Substanz verloren geht, ist ja selbstverständlich.

Alles in allem war diese Diskussionsrunde aber eigentlich am besten besucht, ich konnte vor allem jüngere Zuschauer im Publikum beobachten.

Natürlich war die Diskussion ein richtiger und willkommener Beitrag in die richtige Richtung, da sie die Gemeinsamkeiten Südasiens überzeugend und publikumswirksam ins Rampenlicht stellte. Ich hoffe, dass solche Diskussionen weitergeführt werden und freue mich auf den nächsten Südasien-Tag der Universität Hamburg. Mein Dank gilt den Organisatoren, vor allem den Mitarbeiter/innen und Studierenden der Abteilung für Kultur und Geschichte Indiens und Tibets am Asien-Afrika-Institut der Uni Hamburg.

Herr Günter Spitzing, Sie sind Schriftsteller und Gründer der Hilfsorganisation Dewi Saraswati. Sie wurden als Teilnehmer in die Diskussionsrunde "Perspektiven des sozialen Wandels - eine kritische Bestandsaufnahme" geladen. Worum ging es dabei?

Während der Podiumsdiskussion zum Thema des Standes der Entwicklung in den Staaten Südasiens, wurde von drei Teilnehmern ein Impulsreferat über die derzeitige politische Akzeptanz der Entwicklungspolitik in Nepal, Sri Lanka und Pakistan gegeben. Ich selbst habe, da ich ein Entwicklungsprojekt in Südindien betreibe, aus der Praxis heraus referiert.

Sie haben dabei 7 Forderungen an Gesellschaft und Politik gestellt... 

Das ist richtig. Dabei ging es im wesentlichen um die Beteiligung der Kulturwissenschaften an der praktischen Entwicklungszusammenarbeit. Mein Referat gipfelte in der Forderung, dass Geber und Nehmerstaaten zusammen eine Anthropologie der Entwicklung erarbeiten. Dies sollte wirtschaftliche Gesichtspunkte mit umfassen, aber sich nicht auf sie beschränken. Unter anderem sollten auch Fragen von Heimat (Behausheit), Zufriedenheit, Lebensqualität (Glück), also immaterielle Güter, berücksichtigt werden.

Die Idee einer Diskussion ist allerdings verlorengangen.

Abgesehen davon, dass der Kern meiner Ausführung, also die Forderung nach einer Anthropologie der Entwicklung, die einen Entwicklung mit menschlichem Antlitz gewährleistet, bei den Hörern auf allgemeine Zustimmung stieß, konnte sich aus Zeitgründen innerhalb des Round-Table-Gespräches keine Diskussion entwickeln. In einzelnen Nachgesprächen erwies sich jedoch, dass das Interesse and dieser Fragestellung erheblich ist. 

Wie engagiert sich ihre Hilfsorganisation dabei aktiv?

Nun, wir hier von Dewi Saraswati Hamburg e.V. sind gemeinsam mit unserer indischen Partnerorganisation Dewi Saraswati India Trust bereit an der Ausarbeitung einer Anthropologie der Entwicklung mitzuarbeiten. (Anm. d. Red.: die sieben Forderungen sind auf der offiziellen Internetseite des Südasientages unter http://www.suedasien-tag.uni-hamburg.de/these_spitzing.htm nachzulesen).

Herr Dr. Wolfgang-Peter Zingel, Sie sind Dozent am Südasieninstitut der der Uni Heidelberg und Teilnehmer der Diskussionsrunde "Weltwirtschaft und Südasien - Potentiale und Herausforderungen" gewesen. Wie beurteilen Sie diese?

Der Diskussionsleiter, Herr Dr. Rieger, hatte eine "Tentative Road Map" als Leitfaden für die Diskussion vorgelegt, an die wir uns aber aus Zeitmangel nicht so recht gehalten haben. Es gab von ihm zuvor ein Thesenpapier, auf das ich schriftlich Stellung genommen hatte. Insgesamt würde ich die Diskussion als wenig kontrovers, sehr gut und nützlich bezeichnen.

Lohnt sich eine Partnerschaft Europas mit Südasien?

Meine Einschätzung ist, dass Indien gute Fortschritte bei der Liberalisierung gemacht, die Segnungen dieser Entwicklung aber weite Teile der indischen Bevölkerung und Wirtschaft noch nicht erreicht hat! Den Beitrag von Herrn Bose fand ich am eindrucksvollsten. Seine Aussage lief darauf hinaus, dass wir die Fragen, die wir für Südasien zu beantworten suchten (Potentiale und Herausforderungen), auch für Deutschland stellen müssen und es angesichts der Erfolge und der Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung in Südasien und unserer eigenen Defizite - mittlerweile auch in Bereichen der Technologie - zu einer echten Partnerschaft kommen sollte.

Meine Herren, ich bedanke mich!

Alle vier Diskussionsrunden auf einen Nenner zu bringen, sparen wir uns an dieser Stelle und ist außerdem in dieser Form nicht möglich. Aus den Gesprächen deutlich wurde der akute Zeitmangel. Die jeweiligen Teilnehmer hätten sicherlich noch wesentlich länger diskutieren können und müssen. Organisatorisch sinnvoller wäre die Verteilung von vier Diskussionsrunden auf zwei Tage oder gar einen Streichung von ein bis zweien. Die Mühen der Veranstalter des diesjährigen Südasientages sollen sich aber gelohnt haben, es künftig besser zu machen, denn Idee und grundsätzliche Umsetzung waren gut. Das Potential dieser Veranstaltung ist sicherlich als hoch einzuschätzen, kann aber weitaus besser genutzt werden. Kurzum: wir dürfen uns auf 2005 freuen.

Allgemeine Infos, Dokumente und Reden unter www.suedasien-tag.uni-hamburg.de
 

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